Stress

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Immer wieder liest man in Ameisenforen von „Stress“, an dem Königinnen oder ganze Völker verstorben sind, oder der die Eiablage von Königinnen verhindert usw..
Was ist überhaupt Stress? Wie ist er definiert? Was kann Stress auslösen?
Und welche Auswirkungen hat er auf Ameisen

Definition[Bearbeiten]

Es lohnt sich, mal nach dem Begriff „Stress“ zu googeln. Stichworte: „Definition von Stress“; „Stress bei Tieren“; „Stress bei Pflanzen“. Viele Definitionen und Texte sind dort zu finden, besonders natürlich der „Stress“ des Menschen.

Ganz klar geht aber hervor, das der menschlich-emotionale Stress etwas anderes ist als Stress bei Pflanzen oder Tieren. Jedoch hat der Stress immer ähnliche Gründe: Ein Lebewesen befindet sich in einer lebensbedrohenden/gefährlichen oder einschränkenden Situation und muss dieser durch Nothandlungen entkommen, bzw diese abwenden. Der Mensch (und andere höhere Tiere) reagiert oft mit „anregenden“ Hormonen, die das Individuum Unruhe fühlen lassen („ich muss hier weg“) oder den Organismus aufputschen (Wut/Aggression für den Kampf, "Turbo" für die Flucht). Bei niederen Tieren oder Pflanzen hingegen überlagern diese Nothandlungen ohne emotionalen Stress die natürlichen Verhaltensmuster: Pflanzen vergeilen (Stressfaktor Lichtmangel) oder verstärken ihre Wurzelbildung (Stressfaktor Trockenheit), bei niederen Tieren wie z.B. den Ameisen bedingungslos mehr Platz suchen (=mehr Futter finden) oder ein dunkles Nest finden (Licht = offenes, ungeschütztes Nest). In allen Fällen vernachlässigt ein Lebewesen aber lebenswichtige, normale Verhaltensmuster (Bsp.: kein Hunger vor der Klassenarbeit?), bzw diese werden durch Nothandlungen überlagert.

„Stress“ lässt sich also grob beschreiben als eine lebensbedrohende/einschränkende Situation, die das Lebewesen durch Nothandlungen abzuwenden versucht.

Stress bei Ameisen[Bearbeiten]

Was bei niederen Tieren (und dazu gehören nun mal die Ameisen) bestimmt wegfällt, ist psychischer oder emotionaler Stress, der beim Menschen eine so dominierende Rolle spielt. Denn Ameisen können nicht reflektieren, sie können einfach nicht über die Zukunft nachdenken und sich etwa fragen „was wird jetzt aus mir, wenn mein Gefängniswärter nicht endlich Wasser bringt? Muss ich dann sterben?“ Sie können nicht trauern und sich nicht freuen. Sie können nur instinktiv reagieren und das für sie Richtige tun. Das „Richtige“ ist das, was sich in Jahrmillionen der Evolution als brauchbar herausgestellt hat... und nicht unbedingt das, was der Halter für gut erachtet!
Ameisen und andere niedere Tiere „empfinden“ also, wenn irgendetwas nicht „in Ordnung“ ist und den natürlichen Bedingungen widerspricht. Die instinktive Reaktion darauf ist, dass das Tier versucht, dem unguten Zustand auszuweichen und nach besseren Bedingungen zu suchen (so wie wir die Hand von einer heißen Herdplatte zurückziehen, ohne Nachdenken, und zunächst ohne „Stress“).

Dazu gehört oft auch schon, dass Ameisen im Formikarium nicht beliebig weit in eine Richtung laufen können, wo sie ihr Instinkt hintreibt... in der Natur bedeutet dies dann zB eine Einschränkung ihrer Futtersuche. „Unermüdlich“ werden die Ameisen umherlaufen, suchen, scheinbar „erfreulich hohe Aktivität“ zeigen, bis ihre Reserven erschöpft sind und sie einfach nicht mehr können. Dann hocken sie sich in eine Ecke, tun nichts mehr und sterben fast unvermeidlich.
Hinzu kommt, dass Ameisen als eusoziale Insekten weniger die individuelle Situation auswerten, sondern den Fortbestand der Kolonie sichern müssen. Auch wenn die einzelne Ameise theoretisch genug Platz für den eigenen Bewegungsdrang haben sollte... sie wird trotzdem den zur Verfügung stehenden Platz an der Größe und dem Bedarf der Kolonie messen und entsprechend zu erweitern suchen.

Mit anderen Worten: Falsche Bedingungen führen bei Ameisen nicht zu emotionalem Stress, sondern rufen Nothandlungen hervor, die natürliche Instinke/Verhaltensmuster überlagern und eine Kolonie/ein Individuum empfindlich schädigen können.

Stress in der Haltung[Bearbeiten]

Nach obiger Definition ist Stress bei Ameisen also in erster Linie eine die Kolonie gefährdende Situation. Hierzu gehören sehr viele Faktoren, die wichtigsten seien hier angeschnitten:

Licht im Nest, Erschütterungen[Bearbeiten]

Bei erd- oder höhlenbewohnenden Ameisenarten ist die Dunkelheit mit einem geschlossenen Nest gleichzusetzen, und nur dieses bietet ihnen maximale Sicherheit für Brut und Königin. Fällt nun Licht in das Nest, bedeutet es in der Natur: Das Nest wurde geöffnet und steht Feinden als bequeme Nahrungsquelle zur Verfügung. Ebenso bedeuten Erschütterungen, dass ein Fressfeind das Nest gerade zu öffnen versucht (zB Vögel bei Baum-/Holznestern, grabende/scharrende Feinde bei Erdnestern). Die Reaktion der Ameisen: Rettung der Brut und Königin. Die Ameisen versuchen durch Umhertragen der Brut, diese in sichere Bereiche zu verfrachten... die Königin wird gezerrt oder läuft aus eigenem Antrieb umher. Bei z.B. dauerhafter Beleuchtung des Nestes gewöhnen sich die Ameisen nur scheinbar daran... im Vergleich zu abgedunkelten Nestern ist jedoch oft ein erheblich vermehrtes Umhertragen „und Bewachen“ der Brut zu beobachten, auf Kosten der Nahrungssuche und eigentlichen Brutpflege! Wer Zweifel hat, möge seinen „an Licht gewöhnten“ Ameisen eine gleichartige, aber dunkle Nistgelegenheit zur Auswahl anbieten!

Platzbedarf[Bearbeiten]

In der Natur bedeutet ein maximales Territorium u.a ein maximales Futterangebot. Weiterhin sind in vielen Lebensräumen und abhängig vom Fressverhalten der Ameisen entsprechend große Territorien eine grundlegende Voraussetzung für das Überleben.
Bekannte(ste) Beispiele sind Blattschneider mit weiten Wegen zu frischem Grün, oder spärliches Nahrungsangebot in Trockenzonen bei Cataglyphis. Zu bedenken sind auch die möglichen Koloniegrößen und Zweignestbildungen, hier z.B. Oecophylla und Polyrhachis dives.
Da die Raumansprüche instinktiv verankert sind, wird eine gute Fütterung nur sehr bedingt Abhilfe schaffen... denn die Ameisen „wissen“ ja nicht, das der Halter immer für genug Futter sorgt! Die Tiere versuchen daher ständig, ihr Territorium auszuweiten und der Kolonie somit ein maximales Futterangebot bzw. eine maximale Ausdehnung zu sichern.
Fehlt nun ein solches Platzangebot, besonders in Verbindung mit unzureichender Ernährung („reduziertes Futterangebot um das Koloniewachstum den Wünschen des Halters anzupassen“!!), reagieren die Ameisen durch unermüdliches Suchen nach neuen Bereichen und können sich wie oben beschrieben dabei „totlaufen“...
In der Haltung weiterer lästiger Nebeneffekt: Die Ameisen loten permanent die Ausbruchssicherungen aus und flüchten bei jeder Gelegenheit aus dem Formicarium!

Aktuelles Beispiel ist die seit etwa 2007 verschleuderte Art Polyrhachis dives... fast jeder Halter kennt die "scheinbare Angewohnheit", tote Tiere und Abfälle stundenlang durchs Becken zu schleppen. Niedlich anzusehen, wie emsig die Ameisen laufen, oder?
In Wahrheit versuchen die armen Tiere ihrem Instinkt zu folgen und den Abfall in sicherer Entfernung zur Kolonie zu verbringen!!! Und dieses versuchen sie solange, bis sie tot umfallen.
Und auch hier ist ein einfacher Test ausreichend: schliesst an die Arena einen ca 1m langen Schlauch an, an dessem Ende ein kleiner, trockener Behälter steht... binnen kurzer Zeit schleppen die Tiere ihren Unrat dort hin und lassen ihn sofort fallen. Instinkt -> "Abfall weit wegtragen" erfüllt!

Stress Abwenden[Bearbeiten]

Für den Halter heißt das, seine Fantasie walten zu lassen um den Ameisen ihre natürlichen Bedürfnisse zu erfüllen, und noch weit wichtiger: Sich um Information bemühen, was den „Stress“ bewirken könnte, was er eben falsch macht. Oft genug ist hier eine Portion Erfahrung notwendig, um diese „Fehlverhalten“ zu erkennen. Nicht umsonst wird empfohlen, Exoten erst bei einiger Erfahrung mit „einfacheren“ Arten anzuschaffen! Gerade in Punkto „Ausbruch“ ist dieser Aspekt elementar für die Haltung von Exoten!
Und gerade in der Exotenhaltung kommt erschwerend hinzu: viele Arten werden bei einer hohen Wachstumsrate schnell volksstark und benötigen teilweise erschreckend viel Platz, der in einer privaten Haltung einfach nicht gegeben werden kann. Der Halter ist dann entweder nach wenigen Monaten restlos überfordert, oder die Völker siechen in ihrem viel zu kleinen Becken dahin.


Eine Voraussetzung zur Haltung aller Arten ist natürlich, dass der Halter sich vorher gründlich informiert, darüber was geschehen kann und was er womöglich falsch machen kann. Hinweise dazu gibt es z.B. hier im Ameisenwiki unter "Haltung". Sich zu informieren ist allerdings nicht immer leicht, zumal wenn man Ameisen kauft, für die noch keine oder kaum Haltungserfahrungen vorliegen und für die von den Verkäufern womöglich falsche oder irreführende Informationen geliefert werden (entweder weil sie es selbst nicht besser wissen oder weil sie aus kommerziellen Gründen Informationen zurückhalten bzw. beschönigen und Risiken verschweigen!).

An Stress gestorben[Bearbeiten]

Die in Foren oft zu lesende Aussage „An Stress gestorben, da kann man nichts machen.. passiert schon mal“ sollte keinem Halter genügen und ist als Begründung inakzeptabel.
Wie oben beschrieben sterben Ameisen nicht an emotionalen Stress, der durch die Haltung selbst erzeugt wird.
Es sind in fast allen Fällen unzureichende Haltungsbedingungen, die bei Ameisen Nothandlungen auslösen und auf Dauer zum Tode führen. Und gerade diese Fehler gilt es zu ergründen und zu beseitigen! Gerade in den Foren sollten Halter an Aufklärung und Erfahrungsaustausch interessiert sein, denn nur so lässt sich die Ameisenhaltung verbessern... Die globale Aussage "Stress, kann vorkommen" ist extrem kontraproduktiv und verhindert jegliche Weiterentwicklung um das Wissen der Ameisenhaltung.

Natürlich kann eine Königin oder auch Kolonie in bester Haltung einmal versterben... jedoch gehört das eher zu den Ausnahmen. In aller Regel liegen hier definitiv Haltungsfehler vor, oder die Art ist einfach nicht zur Haltung geeignet (Cataglyphis, Oecophylla).

Man sollte mit dem globalen Begriff „Stress“ also doch etwas vorsichtig umgehen!